Gelassenheit, Bescheidenheit und Entschlossenheit: Das ist der Stoff, von dem Wes Montgomery durchdrungen gewesen sein muss. Spät beschließt er, sein Leben der Musik zu widmen – eine Entscheidung mit geringer Aussicht auf Erfolg. Seine Familie wächst rapide, er ist Vater von 6 Kindern. Er verdient sein Geld tagsüber mit harter Arbeit in einer Lötfabrik um nachts in den Clubs von Indianapolis zu spielen. Sein musikalisches Handwerk erlernt er autodidaktisch. Der Erfolg bleibt lange aus. Wes Montgomery gibt nicht auf.
Eigenwillig ist er, fährt aus Flugangst mit dem Auto durch das Land, auch wenn Auftritten an der West Coast, Konzerte in New York folgen. Gegenüber George Benson, einem jungen, später sehr berühmten Kollegen äußert er auf die Frage, was sein größter Wunsch sei: „a new Cadillac and Alligator shoes“. Dem großen John Coltrane begegnet er einige Male auf der Bühne und als dieser ihn einlädt, dauerhaft in seiner Band zu spielen, lehnt Wes nach reiflicher Überlegung ab: er zweifelt an seiner Fähigkeit, diese Position auszufüllen. Später, auf dem Zenit seines Ruhmes, bricht er Aufnahmen mit Streichorchester ab. Er bittet den Produzenten alleine aufzunehmen und die ihn begleitenden Streicher später einspielen zu lassen. Er fühle sich eingeschüchtert, da nur er keine Noten lesen könne.
Seine Technik: atemberaubend, virtuos, bahnbrechend. Niemand im Jazz hat vor ihm die Gitarre so vollständig in all ihren Facetten beherrscht. Eine Signatur seines Stils ist es Melodien, beliebige improvisierte Skalen und Akkordzerlegungen in parallelen Oktaven zu spielen: vor ihm ein Ding der Unmöglichkeit! Dabei erzeugte er auf seiner Gibson Gitarre einen Klang von ungeheuerer Fülle und Wärme. Wer die sehenswerten erhaltenen Filmdokumente die Wes beim Spielen zeigen studiert, macht eine erstaunliche Entdeckung: Seine linke Hand scheint die Saiten kaum zu berühren, orientiert sich schlafwandlerisch vertikal und horizontal. Und auch der Daumen der rechten Hand, den Wes anstelle eines Plektrums bevorzugt, streicht selbst bei schnellsten Läufen nur zart über die Saiten, als wolle er flüstern. Kontrollierte, vollständige Entspannung. Coolness.
Gelassenheit, Bescheidenheit und Entschlossenheit. Mir erscheint das Leben und Wirken des Wes Montgomery wie eine Parabel über den Begriff der Meisterschaft, über das vollkommene Gleichgewicht dieser drei Kräfte.
Im Jahr 2004 habe ich Wege gesucht, ein tieferes Verständnis für die Meisterschaft Montgomerys zu entwickeln und Parallelen zwischen der Schönheit und Präzision seiner Improvisationen zu meiner eigenen Welt der klassischen Musik zu knüpfen. Betrachtet man barocke Formen, beispielsweise die zahlreichen Concerti eines Antonio Vivaldi, so stellt man fest, dass Solostimmen fragmentarisch notiert sind, Raum lassen, den es zu füllen gilt oder niedergeschriebenen Improvisationen gleichen. Ich beschloss, meine liebsten Montgomery Solos zu transkribieren und sie zu interpretieren, wie ich es mit Concerti des 17. Jahrhunderts tun würde. Ich denke, es war die tiefe Lebensfreude, die ansteckend wie ein Influenza Virus in dieser Musik verborgen ist, die mich ergriffen hat.
Möge Wes Montgomerys Meisterschaft und sein immerwährendes Lächeln auch Sie anstecken!
Marc Sinan, Berlin im Mai 2007
|